Samstag, 1. September 2012

"Die Akte Vaterland" von Volker Kutscher


Der Berliner Kommissar Gereon Rath wird zu einem seltsamen Tatort gerufen. In einem Fahrstuhl des Vergnügungstempels „Haus Vaterland“ wurde eine Leiche gefunden – Todesursache: Ertrinken.
Da Gereons Gedanken momentan vorallem um seine Verlobung mit der Kommissaranwärterin Charly kreisen kommt ihm der neue Fall alles andere als gelegen und er nimmt seine Ermittlungen nur halbherzig auf. Dies ändert sich schlagartig, als weitere Opfer mit der gleichen Todesursache auftauchen und Rath von seinem Chef nach Masuren abkommandiert wird um die Vergangenheit der Ermordeten zu erforschen.
Dort angekommen gerät der Kommissar in immer tiefere Verstrickungen und in ein Netz einer festzusammenhaltenden Dorfgemeinschaft.


Volker Kutschers neuer Krimi spielt im Jahre 1932. Schon alleine dies hat mein Interesse an dem Buch geweckt. Während in der heutigen Zeit Technologien eine immer größere, unverzichtbare Rolle spielen, ermitteln die Polizisten hier auf eine, gezwungenermaßen, gemächliche Art, setzen das Puzzle aber kontinuierlich zusammen. So manches Mal musste ich schmunzeln, wenn der Autor längst vergangene Alltagssituationen vor dem Auge des Lesers aufleben lässt, wie z. B. die Regelung des Ampelverkehrs über einen Verkehrsturm. Um Kollegen anrufen ,zu können mussten die Kommissare erst einen öffentlichen Münzsprecher suchen und wer in der Wildnis unterwegs ist, war eben nicht zu erreichen. Ein für heute undenkbarer Zustand.
Auch das mittlerweile oft so verpönte Rauchen gehörte damals noch zum guten Ton. So zündet sich Gereon Rath alle paar Seiten eine seiner geliebten Overstolz-Zigaretten an und auch in Vernehmungen wird gerne ersteinmal eine Zigarette geschmaucht.
Generell zeichnet Volker Kutscher seinen Roman sehr bildhaft und der Leser fühlt sich mitten in einem spannenden Schwarz-weiß-Film. Unterstützend hierzu hat der Verlag eigens für diese Serie eine Webseite unter gereonrath.de eingerichtet, unter der Originalaufnahmen aus dem Berlin der 30er Jahre zu finden sind.
Auch die brisante politische Situation lässt der Autor gekonnt in seine Geschichte einfließen. Unmittelbar vor seiner Machtergreifung ist Adolf Hitler für viele Protagonisten des Romans immer noch eine nicht wirklich ernstzunehmende Gefahr. Der vermehrte Aufmarsch brauner Anhänger wird als Störung des friedlichen Miteinanders. aber gleichzeitig auch als vorübergehende Erscheinung, wahrgenommen. Dies spiegelt sicher eine authentische Meinung vieler Bürger der damaligen Zeit wieder.
Sowohl für den Prolog als auch für den Epilog hat Volker Kutscher die Erzählperspektive des Indianers Tokala gewählt, der eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielt, wodurch sich der Kreis, der mit der ersten Zeile begann, mit der letzten harmonisch schließt.

„Die Akte Vaterland“ ist bereits der vierte Kriminalroman um Gereon Rath. Ich hatte bisher noch keinen Teil dieser Serie gelesen und leider auch nicht davon gehört. Es lässt sich problemlos auch erst beim vierten Band einsteigen. Von Anfang an fühlte ich mich mitten im Geschehen und die klein gewählte Schrift störte mich nach den ersten paar Seiten nicht mehr. Definitiv macht dieser Krimi Lust auf mehr – mehr von Gereon Rath und so sind seine anderen drei Fälle bereits auf meine Wunschliste gewandert. Ich freue mich über die Neuentdeckung einer Krimiserie, die aus der Masse hervor sticht.

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